Interview mit Daniel „DataDan“ Mühlbauer-Kerber

„Die Unterstützung, die durch gut trainierte KI-Modelle in der Sozialwirtschaft entstehen kann, ist immens.“

Ein Herz für HR und Daten – das schlägt in der Brust von Daniel „DataDan“ Mühlbauer-Kerber. Er arbeitet als Experte für People Technology in einem global agierenden Konzern. Seine Leidenschaft gilt der Kombination aus Datenanalysen, künstlicher Intelligenz und digitalen Tools zur Wegbereitung in die Zukunft der Arbeit. Wir haben ihn gefragt, welche Perspektiven er für KI in der Sozialwirtschaft sieht.

 

 

Daniel Mühlbauer (DataDan)
Speaker, Creator, Impactor

Copyright Foto: JaninaLaszlo.com

Was bedeutet für Sie KI in der Sozialwirtschaft konkret? Technische Anwendung, organisatorische Unterstützung oder auch ethische Fragen?

Eigentlich wird alles davon durch das Thema KI berührt. Zunächst natürlich die ethischen Fragestellungen und der Rahmen, in dem das alles stattfindet: Hier gibt es eine ganze Reihe von sensiblen Daten, Bereichen und Prozessen, von denen man vielleicht nicht möchte, dass Maschinen sie erlernen oder irgendwo abspeichern. Und es gibt sehr viele selbst- und teilweise fremdbestimmte Situationen, in denen man aufpassen muss.

Aber die organisatorische und operative Unterstützung, die durch gut trainierte Modelle entstehen kann, die ist immens. So kann man sich ganz konkret in verschiedenen Prozessen unterstützen lassen, wie Abrechnung oder Personal, wo eine KI hilft, Felder auszufüllen.

Das gilt natürlich nicht nur für den sozialen Bereich. Ich habe letztens im Unternehmen einen neuen Laptop bestellt und einem Chatbot nur gesagt: „Ich brauche einen Laptop!“ Der Chatbot hat schon das Formular vorausgefüllt, ich musste nur noch das Modell auswählen, und dann hat der Bot den Vorgang zur Freigabe weitergeschickt. Ich hab’s mal gestoppt: In zwei Minuten 30 hatte ich den Laptop bestellt.

Welche Einsatzbereiche von KI sehen Sie besonders für die Sozialwirtschaft?

Hier gibt es einige Bereiche, in denen ich den Einsatz von KI für besonders potenzialreich halte, der Dokumentationsbereich etwa: Einfach dieser irre Aufwand an Dokumentation, die gemacht werden muss, in fast allen Bereichen eines sozialwissenschaftlichen Betriebs von Einkauf bis Warenwirtschaft. Auch die ganzen Ablaufprozesse im Personalbereich, und natürlich die Lösungen für verschiedene Gruppen von Mitarbeitenden.

Zum Beispiel für die Menschen mit besonderen Bedürfnissen, die in einer Behindertenwerkstatt arbeiten. Aber auch für diejenigen, die ihre Anleitung übernehmen, also das Fachpersonal, das dort therapeutisch tätig ist. Da kann man einerseits personalisieren, das heißt, man kann KI dafür nutzen, für die verschiedenen Gruppen von Menschen verschiedene Inhalte auszusteuern und verschiedene Ansprachen zu benutzen. Oder man kann andererseits in der Werkstatt Anleitungen mitgeben, die helfen, bestimmte Erzeugnisse zu erstellen. Und gleichzeitig lässt sich mit der KI dieser riesige Dokumentationsaufwand unterstützen, der zum Beispiel von den Kostenträgern gefordert wird. Den wird man fast vollständig automatisieren können.

Wo sehen Sie die größten Hürden bei der Einführung von KI in sozialen Organisationen?

Meine Vermutung wäre, dass auch hier der Stand der Digitalisierung eine Rolle spielt. Diese Frage kenne ich aus verschiedenen Branchen, dass man erst mal einen gewissen Grad an Digitalisierung erreicht haben muss. Denn nur, was digital ist, kann von einer KI erfasst werden. Wenn man heute noch sehr viel manuell macht, sehr viel auf dem kurzen Dienstweg oder mündlich, dann kann eine KI darauf ja nicht zugreifen.

Aber der Dokumentationsbereich, der wäre sofort möglich. Etwa mit einer stimmunterstützten Software, wo man nichts mehr aufschreiben muss: Man spricht einfach, und daraus wird die Dokumentation erstellt, was auch in verschiedenen Sprachen möglich wäre.

In diesem Bereich wären die Hürden vergleichsweise gering. Aber es kommt natürlich wieder darauf an, was man dokumentiert, ob ethisch-moralische Gründe eine Rolle spielen könnten.

Welche datenschutzrechtlichen und ethischen Fragen halten Sie für besonders kritisch?

Besonders kritisch sind vor allem medizinische und gesundheitliche Informationen oder ganz allgemein personenbezogene Daten. Hier gibt es auch in der Datenschutzgrundverordnung eine Sondergruppe, nämlich die personenbezogenen Daten mit besonderer Sensibilität.

Die werden jetzt juristisch nicht so genannt, ich bin kein Jurist, aber es sind Daten wie die sexuelle Orientierung, Daten zu Medikamenten oder zur Religiosität. Auch Mitgliedschaft in einem Betriebsrat zum Beispiel zählt zu den besonders schützenswerten Informationen oder Daten, deren Verarbeitung tatsächlich verboten ist. Da muss man sehr genau darauf achten, ob diese Daten sich nicht doch irgendwo in den Prozessen befinden. Und prüfen, ob alles juristisch einwandfrei ist.

Juristisch einwandfrei heißt in diesem Fall ja kein Null oder Eins, sondern es ist meist ein Spektrum. Das bedeutet, auch wenn die Dokumentation bestimmter personenbezogener Daten nicht automatisch verboten ist, können sie beim Dokumentationsaufwand dann doch wieder eine besondere Rolle spielen.

Wenn man also Dokumentation automatisieren möchte, aufgrund von personenbezogenen Daten mehr Aufwand hat, diesen aber auch wieder von einer Maschine machen lassen könnte – dann muss man sehr genau hinschauen, ob sich das betriebswirtschaftlich insgesamt lohnt.

Glauben Sie, dass KI helfen kann, dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken, oder verschärft sie die Situation sogar?

Hier bin ich sehr klar: Ich glaube, dass es helfen wird, gegen den Fachkräftemangel zu wirken und die Situation zu verbessern. Insbesondere dann, wenn man davon ausgeht, dass man vielleicht besonders „lästige“ Tätigkeiten im Berufsbild der Sozialwirtschaft in an eine Maschine geben kann, wie eben die Dokumentation.

Dann wird durch KI auch das Berufsbild insgesamt aufgewertet, und es werden sich wieder mehr Menschen für das Berufsbild interessieren. Wenn Menschen, die in der Therapie oder Pflege tätig sind, nicht immer nur sagen: „30 Prozent meiner Zeit schreibe ich nur Zettel …“. Sondern: „Den Papierkram, das macht eine Maschine, und ich kann wirklich mit Menschen arbeiten – genau das, wofür ich ausgebildet bin!“

Oder denken Sie an KI-Modelle, die simultan übersetzen können. So lassen sich Menschen, zum Beispiel auch geflüchtete Menschen, viel schneller in den Beruf bringen. Selbst, wenn sie anfangs noch nicht so gut in der deutschen Sprache sind zum Beispiel, könnten sie trotzdem schon tätig werden. Weil sich Kommunikation automatisch simultan übersetzen lässt, auch für die Dokumentation. Und das, glaube ich, hilft beides, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken.

Welche Kompetenzen brauchen Führungskräfte und Mitarbeitende, um KI sinnvoll zu nutzen?

Es gibt in der KI Verordnung eine definierte Form von KI Kompetenz, die recht umfassend verstanden wird. Also nicht nur als Trainingswissen, sondern auch als Erfahrungswissen und Anwendungswissen über den Einsatz von KI. Und man muss nicht nur einschätzen können, wie so ein System technisch funktioniert, welche Daten es verarbeitet. Sondern auch, was die Risiken sein können, welche Fehler ein System machen kann. Oder man muss auch den ethisch moralischen Einsatz einschätzen können.

KI-Kompetenz ist also sehr vielseitig. Deshalb würde ich dazu raten, sehr früh und rechtzeitig damit zu beginnen, sich weiterzubilden und Erfahrungen anzureichern. Ganz unabhängig davon, ob das eigene Unternehmen KI schon einsetzt. Etwa, indem man mögliche Modelle erst mal mit anonymisierten Daten oder mit simulierten Daten einsetzt, um zu verstehen, was diese Dinge tun.

Wenn Sie ein KI-Pilotprojekt in einer sozialen Einrichtung starten dürften: Was würden Sie ausprobieren?

Ich würde zwei Dinge ausprobieren: Erstens eine Art KI-basierten Kreativitätscoach, der zum Beispiel Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in der Pflege zur Seite steht. Ein KI-Coach, der sich kreative Elemente in der Therapie überlegen kann, wie neue Spiele für die Menschen, die man pflegt und begleitet. Also eine Unterstützung dabei, neue pädagogische Konzepte zu recherchieren.

Denn vielleicht ist nicht jede oder jeder immer up to date, was therapeutisches Wissen angeht. Etwa neueste Daten aus wissenschaftlichen Studien, ob bestimmte Therapieformen besser sind für bestimmte Erkrankungen oder Ähnliches. Diese Dinge kann man ja durch eine KI einfach recherchieren lassen. So wird die KI eine Art Sparringspartner und Kreativitätscoach. Das fände ich unheimlich spannend, weil Menschen für genau so etwas leider oft keine Zeit haben in ihrem Alltag.

Und zweitens würde ich unheimlich gern tatsächlich mal diese Simultanübersetzungen, sprachbasierte KI-Lösungen ausprobieren, weil ich darüber bisher nur gelesen habe. Da fände ich Case Studies und Fallstudien spannend, wie so etwas dann wirklich funktioniert: Wie viele Fehler macht sowas? Und ist das Kosten-Nutzen-technisch tatsächlich sinnvoll? Das würde ich unheimlich gern mal testen.

Lieber Data Dan, ganz herzlichen Dank für das Interview!


Timo Sanders
Vertriebsberater

Telefon: 0441 3907-122
E-Mail: timo.sandersvrg.de

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